Es gibt Schlimmeres als eine unheilbare Erkrankung
Wenn Menschen die Diagnose Schizophrenie erhalten, hören sie oft einen Satz, der schwerer wiegt als die Symptome selbst: „Das ist unheilbar.“ Diese Worte können zum Wendepunkt werden – allerdings nicht immer in die richtige Richtung. Denn was passiert, wenn wir Menschen von vornherein vermitteln, dass keine Besserung möglich ist? Es geht um die Frage, warum die Art und Weise, wie wir über Schizophrenie und Psychosen sprechen und denken, manchmal mehr Schaden anrichtet als die Erkrankung selbst.
Wenn die Diagnose zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird
Stell dir vor, du durchlebst eine psychische Krise oder lebst mit einer psychiatrischen Diagnose. Du erwartest Unterstützung durch das Gesundheitssystem und hoffst auf Verständnis, Hilfe und einen Weg zurück ins Leben. Doch statt eines ganzheitlichen Blicks auf deine Situation, deine Bedürfnisse und deine Lebenswelt erwartet dich oft eine pathologische Betrachtungsweise. Symptome werden kategorisiert, Medikamente verschrieben, Behandlungspläne erstellt. Aber wer fragt nach deiner Geschichte? Wer interessiert sich für das, was du wirklich brauchst? Wer nimmt deine Perspektive ernst? Das Problem liegt nicht darin, dass medizinische Behandlung unwichtig wäre. Das Problem liegt in der Einseitigkeit. Die traditionelle psychiatrische Perspektive ist oft reduktionistisch – sie reduziert komplexe menschliche Erfahrungen auf Diagnosen und Symptome. Die Macht liegt bei Fachpersonen und Institutionen, während die Stimmen derjenigen, die diese Erfahrungen tatsächlich durchleben, zu oft überhört werden. Ihre „unmet needs“ – also ihre eigentlichen Wünsche, Forderungen und die nicht erfüllten Bedürfnisse – bleiben im System unsichtbar. Die Lebenswelten und die individuellen Sichtweisen von Menschen mit Psychoseerfahrung werden ignoriert oder als mangelhafte Krankheitseinsicht abgetan. Diese Asymmetrie der Macht, dieser Mangel an echtem Zuhören, hat eine Gegenbewegung hervorgerufen. Dies sind die Mad Studies in der wissenschaftlichen Forschung und die Aktionen der Mad Pride Bewegung.
Wenn nur noch Defizite gesehen werden
Was viele Psychoseeerfahrene im Alltag erleben, ist ein durchweg pathologischer Blick. Plötzlich wird jede Äußerung, jede Emotion, jedes Verhalten durch die Brille der Diagnose betrachtet. Freut sich jemand besonders über etwas? Vorsicht, es könnte eine manische Phase sein. Ist jemand mal nachdenklich oder zurückgezogen? Wahrscheinlich ein Rückfall. Diese defizitorientierte Haltung vieler Fachpersonen führt dazu, dass Menschen nicht mehr als Ganzes wahrgenommen werden, sondern nur noch als Summe ihrer Symptome.
Die Stigmatisierung beginnt oft schon im Behandlungszimmer, lange bevor die Gesellschaft überhaupt von der Diagnose erfährt. Wenn Psychiater:innen unter enormem Zeitdruck stehen und primär Medikamente verschreiben, ohne die Geschichte, die Stärken und Ressourcen ihrer Patient:innen kennenzulernen, entsteht ein Versorgungssystem, das Menschen krank hält, statt sie zu stärken.
Niemand ist nur gesund oder nur krank
Hier kommt eine wichtige Erkenntnis ins Spiel: Niemand ist nur gesund oder nur krank. Wir alle bewegen uns auf einem Kontinuum zwischen Wohlbefinden und Belastung, zwischen Krise und Stabilität. Diese Perspektive mag simpel klingen, ist aber revolutionär für den Umgang mit psychischen Erkrankungen.
Menschen mit einer Schizophrenie-Diagnose haben gute Tage und schwierige Tage – genau wie alle anderen auch. Sie haben Talente, Interessen, Träume und Stärken – genau wie andere auch. Und ja, sie haben auch Herausforderungen zu bewältigen. Aber wenn wir sie ausschließlich über ihre Diagnose definieren, nehmen wir ihnen die Möglichkeit, sich selbst als vollständige Menschen zu erleben.
Zuversicht ist erlernbar
Eine der hoffnungsvollsten Erkenntnisse aus der Forschung der letzten Jahre lautet: Zuversicht ist eine erlernbare Haltung und Resilienz lässt sich schrittweise entwickeln. Das bedeutet nicht, dass psychische Erkrankungen einfach „weggedacht“ werden können. Es bedeutet aber sehr wohl, dass die Art und Weise, wie wir mit Herausforderungen umgehen, einen enormen Einfluss auf unseren Genesungsprozess hat.
Statt zu fragen „Was ist falsch mit mir?“, können wir lernen zu fragen: „Was brauche ich gerade? Was hilft mir? Was kann ich trotz meiner Einschränkungen tun?“ Diese Verschiebung der Perspektive mag klein erscheinen, kann aber den entscheidenden Unterschied machen zwischen einem Leben in ständiger Resignation und einem Leben mit Sinn und Lebensqualität.
Von Defiziten zu Ressourcen
Die Lösung liegt nicht darin, die Realität psychischer Erkrankungen zu leugnen oder ihre Herausforderungen kleinzureden. Die Lösung liegt darin, den Fokus zu erweitern. Ja, es gibt Einschränkungen. Ja, es gibt schwierige Momente. Aber es gibt auch Stärken, Interessen, Fähigkeiten und Potenziale.
Eine ressourcenorientierte Haltung bedeutet, die Perspektive bewusst auf Lösungen statt auf Probleme zu richten. Was kann ich? Was interessiert mich? Was gibt mir Kraft? Welche Menschen tun mir gut? In welchen Momenten fühle ich mich lebendig? Diese Fragen öffnen Räume für Entwicklung und Wachstum, während die ausschließliche Konzentration auf Defizite Menschen in ihrer Erkrankung gefangen hält.
Das bedeutet auch, mit Einschränkungen leben und umgehen zu lernen. Genesung heißt nicht zwangsläufig, dass alle Symptome für immer verschwinden. Genesung kann auch bedeuten, ein erfülltes Leben trotz gelegentlicher Herausforderungen zu führen, Strategien zu entwickeln, mit schwierigen Phasen umzugehen, und sich selbst mit mehr Mitgefühl zu begegnen.
Gemeinsam lernen, gemeinsam wachsen
Genau hier setzt das mäd festival an. Es ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen, um voneinander zu lernen – gleichberechtigt, jenseits von Diagnosen und Hierarchien. Beim Festival erleben wir ganz praktisch, was es bedeutet, den Blick zu weiten und Menschen als Ganzes wahrzunehmen.
Beim Yoga am Morgen am Schwielowsee spüren wir unseren Körper, nehmen uns wahr – nicht als kranke oder gesunde Personen, sondern einfach als Menschen. Beim Waldbaden in der brandenburgischen Natur erleben wir Momente der Entschleunigung und Verbundenheit. In Workshops und Gesprächsrunden teilen Psychiatrieerfahrene, Angehörige und Fachpersonen ihre Geschichten, ihre Strategien, ihre Hoffnungen.
Und ja, wir feiern auch gemeinsam. Denn bei allen Herausforderungen, die psychische Erkrankungen mit sich bringen, gibt es auch freudvolle Momente im Leben. Am Abend bei einer Strandparty, wo Menschen verschiedenster Hintergründe
Gestärkt in den Alltag zurückkehren
Das Besondere am mäd festival ist nicht nur das, was während der drei Tage am See passiert. Es ist auch das, was Menschen mit nach Hause nehmen. Die Erfahrung, gleichberechtigt gehört zu werden. Die Begegnung mit Menschen, die ähnliche Herausforderungen kennen, aber einen anderen Umgang damit gefunden haben. Die Erkenntnis, dass Veränderung möglich ist.
Natürlich kann man diese Prinzipien überall anwenden. Aber manchmal hilft es, aus dem gewohnten Umfeld herauszukommen, neue Menschen kennenzulernen und gemeinsam neue Perspektiven zu entwickeln. Manchmal braucht es einen geschützten Raum, in dem wir unsere eigene Haltung und unsere Perspektive auf psychische Erkrankungen hinterfragen können.
So gehen wir gestärkt in den Alltag zurück – mit neuen Strategien, mit mehr Zuversicht, mit einem erweiterten Blick auf das, was möglich ist. Und vielleicht nehmen wir die wichtigste Erkenntnis mit: Es gibt tatsächlich Schlimmeres als eine „unheilbare“ Erkrankung. Zum Beispiel eine Haltung, die keine Hoffnung zulässt.
Vielleicht bist du selbst von einer psychischen Erkrankung betroffen und suchst nach Inspiration und Austausch. Vielleicht bist du Angehörige:r und möchtest verstehen, wie du deine Liebsten besser unterstützen kannst. Oder vielleicht arbeitest du im Gesundheitssystem und merkst, dass etwas anders werden muss.
Egal, wer du bist und was dich bewegt: Beim mäd festival bist du willkommen. Denn Wandel entsteht dort, wo Menschen sich begegnen – mit Offenheit, Respekt und der gemeinsamen Überzeugung, dass eine menschlichere Psychiatrie möglich ist.